Fünf Finger hat die Hand – fünf Dinge oder fünf Aspekte einer Sache kann man auf einen Blick erfassen, begreifen ohne groß zu zählen: eine Hand voll, handlich.
Der „Ruf nach Freiheit“ wird mitunter so artikuliert, als sei sie eine kosmische Bestimmung des Menschen. Als ob sie eine von der Zivilisation angestrebte Erfüllung wäre.
Ach, nehmen wir uns doch die Freiheit und formen selbst unseren Freiheitsbegriff! Ganz human so, dass er gut zu begreifen ist, mit beiden Händen und zehn Fingern.
rechts:
Die Zufalls-Freiheit oder auch unerwartete Möglichkeit (auch digital produzierbar als random-Funktion, mit oder ohne Wertungs‑, Qualitäts- oder Bezugsgrößen und mehr oder weniger komplexen Algorithmen.): Sie ist erhöht in bunten, vielfältigen Umgebungen und Zusammenhängen, deren Unübersichtlichkeit sie immun gegen geplante Einfluss-Strategien macht und die noch Nischen bieten, über welche die gesellschaftlichen Optimierungsroutinen hinweg gehen. Sie ist wie das Sonnenblinzeln bei bewölktem Winterhimmel, sie wird meistens verpasst; man geht deswegen nicht aus dem Haus.
Die Auswahlfreiheit (löst sich in Wohlgefallen auf, sobald ausgewählt wurde): Sie setzt ein Angebot voraus. Die Möglichkeiten müssen einem aber bewusst sein, sie sind vielleicht verdeckt, oder nur mit Mühe zu erreichen. Außerdem müssen einem die Konsequenzen, auch die langfristigen, einer dann letztlich zu treffenden Auswahl hinlänglich vor Augen liegen. Auch das herauszubekommen kann Mühe erfordern.
Die Freiheit von (Adel, Zwängen, …): Sie wird zu wenig geschätzt, wenn andere für einen das Terrain geklärt haben, das Geschenk der Generationen vor uns wird nicht als solches erkannt. Oder die Befreiung zwingt zur Aktion, die als Last, Arbeit und Gefährdung erlebt werden kann. Es muss daher ein lohnendes Ziel antizipiert werden, was kreative intellektuelle Fähigkeiten voraussetzt, die ebenfalls in der Regel durch selbst auferlegte Disziplin zu erlangen sind. Es muss mental klar sein, für was man ist und dass das Befreien, das Dagegen, nur eine Etappe auf einem Wege mit möglichen Konflikten ist. Also:
Die kreative Freiheit (im Augenblick besonders hoch im Kurs): Das Ersinnen neuer Chancen, das Formen neuer Wirkungsbezüge, führt sofort zur Verantwortung (weniger bewusst), der andauernd lebendigen Auseinandersetzung mit der «Antwort, der Reaktion der Umwelt». Das ist die Selbstbestimmung, meine selbstbestimmt geführte Auseinandersetzung mit allen Betroffenen, Adressaten, Mitwirkenden.
Freiheit zur Pflicht (Freiheit, Werte zu setzen, nach denen man dann ja wohl selbst handeln muss): Selbstbestimmung heißt wirklich, dass man seinen Selbst-Bestimmungen dann auch folgt. Da man nicht sein ganzes Leben neu erfinden kann und muss, findet man sich auch in so manche Bestimmung seiner Kultur ein. Jede Kultur ist ein ererbter Vorschlag, wie man Freiheit „bestimmen“ kann. Wirverwirklichung geht erst recht nur, wenn alle aus unserem Wir unseren Bestimmungen folgen, unabhängig davon ob die hoffentlich produktiv sind oder auch mal restriktiv.
links:
Die soziale Freiheit (komisch, dass andere auch frei sein wollen!): Wenn der Sozialismus alle Menschen frei gelassen hätte, in dem, was sie wünschten und begehrten, dann hätten sich auch in ihm alle Menschen in dem, was sie eintauschen wollten, nach den Wünschen der anderen richten müssen; denn die Freiheit der einen muss mit der Freiheit der anderen zusammenpassen – vorallendingen im sozialen Austausch (s.o.) und Handeltreiben. Das hängt von keiner Eigenschaft eines Systems ab, sondern ist eine conditio humana, wie Menschen nur frei sein können unter der Bedingung ihrer Energetik in Zeit und Raum. Diese Freiheit macht nur Spaß mit Empathie.
Die innere und äußere Freiheit (die bezogene oder kommunikative Freiheit): Wer seine innere Freiheit ungetestet lässt an der Freiheit der Anderen, lebt zunehmend allein. Je freier die innere Phantasie ist, und je mehr ich diese innere Freiheit ungeäussert lasse, ungeformt lasse, mich mit der Innerlichkeit begnüge, ja die größere Freiheit des Inneren präferiere gegenüber den Beschränkungen im Außen, um so eher lebe ich am Ende allein, oder Gruppen kommunizieren ohne Austausch mit größeren Systemen so vor sich hin. Diese Freiheit macht nur Spaß mit Liebe.
Um mehr im Äußeren zu leben, muss ich etwas nach außen bringen, zeigen, und dieses Bringen und Zeigen gestalten und das „bedeutet“ Formung, und die Wirkung dieser Formung in der Auseinandersetzung mit anderen „bedeutet“ Verantwortung. Zunächst vor mir selbst; sobald ich „etwas“ raus lasse, wirkt „etwas anderes“ auf mich zurück: the bouncing outside, die Reaktion des Außen. Das alles gilt nicht nur für Individuen sondern auch für Gruppen, für Wirkungsphänomene auf institutioneller, regionaler, nationaler, globaler Ebene.
Das bewirkt Relevanz/Bedeutung, darum ist Freiheit und Ver-antwortung so eng mit Bedeutung verbunden, ja sie entstehen auch überhaupt erst, wenn sie uns etwas bedeuten, wenn wir einen Begriff von ihnen haben.
Die Symbolisierungs- oder auch Kortex-Freiheit: Im Geist des Menschen hat sich das Leben zu größtmöglichen Freiheiten aufgeschwungen. Das ursprünglich ganz an die eine Umwelt gebundene kann sich nun imaginierte Umwelten schaffen – was wir nicht zu würdigen wissen, weil wir kein Erleben der ursprünglichen Situation mehr zum Vergleich haben.
Im präfrontalen Kortex ist eine unendliche Kombinationsfähigkeit prinzipiell gegeben. Von Disneyland bis Goethe, vom Schamanen bis Einstein ist alles ausgedacht.
Mythen bieten Freiheitsillusionen, Mythen der Freiheit und der Kreativität. «Die Freiheit allein» ist ein solipsistisches Verträumtsein, so eine Denkkreation. Wird sie nicht als in eine Erfahrungsumgebung eingebunden verstanden, bedeutet das nur Beliebigkeit und nicht Freiheit. Freiheiten sind Formungen von Ver-antwort-ung, Kommunikationsprozesse über (Austausch-)Objekte/Projekte. Ein in die Welt hinausgerufener Satz ist ein winziges Freiheits-Projekt und kurzlebig – Technik, Gesetze etc. sind um einiges größer und langlebiger.
Die Freiheit zum Experimentieren (zur Tat): Die gegenwärtige Verwirrung über «die innere Freiheit» ist eine populäre Suchbewegung im globalen Maßstab mit medialer Omnipräsenz von Milliarden von Menschen, die Klarheit über ihren Platz in der Welt haben wollen, ohne zu bedenken, dass innere Freiheiten ohne Ende von uns selbst geschaffen werden können aber zu äußeren nur werden, wenn sie dem Aussen ausgesetzt werden, zwecks gegenseitiger Bereicherung, – was dann schlicht auszuprobieren wäre! Bitte mit Lust! Nicht ob der Mensch frei ist, ist die Frage, sondern ob er sich aufmacht, Bedeutung zu schaffen.
Die individuelle Freiheit ist, da alle Menschen etwas anders sind, tendenziell immer experimentell. Wirklich vollständig passend zu uns gibt es kein vorgefertigtes Lebensmodell, keine Prognosen. Freiheit macht Arbeit. Das bewirkt die Verwirrung—und das sie in Bestimmung und Erfüllung übergeht, also wirklich vergänglich ist, ein Katalysator.
Natürlich kann man auch einfach Ideologen folgen: Die Freiheit zur Einwilligung in das kollektive Befolgen und die Relativierung des Egos nicht an der selbstbestimmten Verantwortung sondern dem kollektiven Interesse. Schwierig wird es, wenn maßgebliche Kräfte die Apotheose des konsumfreudigen Individuums zelebrieren und schon Modelle seiner vermeintlichen Selbstbestimmung vorgeben. Um so mehr ist Intellektualität gefragt, sozialer Austausch über eben dieses Problem und ständiges Spüren, wohin tendiere ich «Selbst in Gänze» in Zeit, Raum und Lebensliebe.



