In „Die Kunst des Liebens“ geht Erich Fromm auf die Unterschiede zwischen westlicher und östlicher Logik ein, wie sie den Begriff der Liebe zu Gott beeinflussen. Fromm nennt die östliche Logik „paradoxe Logik“. (S.101 bis 109)
Fromm begeht an dieser Stelle eine Schlussfolgerung auf Grund einer selbst erstellten Begriffsbestimmung. Vieles von dem, was uns als paradox erscheint, ist in Wirklichkeit keine Paradoxie, sondern eine Schwäche der Sprache. Unsere Begriffe sind eng gefasst und trennen voneinander, was in der lebendigen Wirklichkeit zusammengehört.
Ein Beispiel ist der Satz, den Fromm als Paradoxon anführt und der von Laotse stammt: „Das Gewichtige ist des Leichten Wurzel.“ Ebenso der Satz: „Die Stille ist sehr unruhig.“ Betrachtet man diese Aussagen genauer, ist daran eigentlich nichts paradox.
Zum einen wirkt die Formulierung ungewohnt, weil Eigenschaften wie „gewichtig“ oder „leicht“ zu Substantiven gemacht werden. Zum anderen stehen die Begriffe zunächst scheinbar ohne Zusammenhang nebeneinander. Doch gerade dieser Zusammenhang ist entscheidend. Bei Laotse geht es nie um abstrakte Gegensätze, sondern immer um den Fluss des Lebens, in dem sich die Polaritäten gegenseitig hervorbringen und bedingen.
Im Taiji wird das unmittelbar erfahrbar: Lässt man das Gewicht in die Füße sinken, wird der Oberkörper leicht. Wer Taiji macht, kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung. Daran ist nichts paradox – es beschreibt einen natürlichen, lebendigen Zusammenhang.
Ein weiteres schönes Beispiel ist der Satz von Laotse: „Der Erkennende redet nicht. Der Redende erkennt nicht.“ Auch dieser Satz wirkt nur auf den ersten Blick paradox. Er erschließt sich, wenn man zwischen begrifflichem Wissen und unmittelbarer Erkenntnis unterscheidet.
Solange wir über etwas sprechen, bewegen wir uns in Begriffen, Vergleichen und Erklärungen. Das hat seinen Wert – doch es bleibt eine Annäherung. Unmittelbares Erkennen dagegen geschieht jenseits der Sprache. Wo die Wirklichkeit unmittelbar erfahren wird, verliert das Reden an Bedeutung. Nicht weil Sprache falsch wäre, sondern weil sie das Erlebte niemals vollständig einholen kann.
Genau darin liegt kein Widerspruch, sondern eine Rangfolge: Die Erfahrung geht der Beschreibung voraus. Worte können auf die Wirklichkeit hinweisen, sie aber nicht ersetzen.



