Ist Bloggen 2026 noch zeitgemäß angesichts KI?
Vielleicht ist ein Blog genau deshalb 2026 interessanter denn je:
„Bloggen ist die persönliche Internetkommunikation der Zukunft!“ – das habe ich 2018 behauptet. Und so begründet: Wegen der Datenbankanbindung kann man seine Informationsquellen kategorisieren, verschlagworten, veröffentlichen, kommentieren und gemeinsam mit anderen kuratieren. Wer diese fünf Aktionen zusammendenkt, erkennt: WordPress ist besser als einfache Schreibprogramme, besser als Lesezeichendienste wie Diigo – und multimedial freier gestaltbar als die großen Plattformen. Im Infooverflow kann ein Blog das eigene Denken strukturieren wie ein Buch. Er kann Logbuch des Lernens sein, Ort quellenfundierter Diskussion, Brücke zwischen persönlichem Denken und öffentlichem Diskurs.
Nur die Reichweitenträume erfüllten sich selten. Trotzdem wurden die meisten Blogbeiträge von mehr Menschen gelesen als jeder Text im Aktenordner vergangener Zeiten.
2026: Das System läuft heiß
Die Blogosphäre ist oft totgesagt worden. Je mehr die großen Plattformen florierten, desto weniger wurden Blogs frequentiert. Heute kommt ein neues Problem hinzu: KI-gestützte Content-Erstellung lässt die Informationsmenge auf allen Plattformen überquellen. Wir haben nicht nur einen Infooverflow – wir haben einen Erstellungsoverflow. Das System erzeugt Rückkopplungseffekte: KI produziert Inhalte aus dem Internet, die wiederum ins Internet fließen, aus dem die nächste KI schöpft. Ein geschlossener Kreislauf mit wachsendem Rauschen.
Second Brains und persönliche Wissensverwaltung verführen dazu, noch mehr zu sammeln – weil man es ja von der KI bearbeiten lassen kann. Aber wird schneller gesammelt als verarbeitet werden kann, entsteht kein Wissen, sondern ein größerer Stapel.
Haben die Blogger von vor zehn Jahren geahnt, dass ihre Texte eines Tages mehr von KI-Systemen gelesen werden als von Menschen?
Fake News, Manipulation, demokratischer Diskurs
Parallel dazu hat sich die Gesellschaft nicht nur mit Informationsüberfluss gefüllt, sondern mit Falschinformationen, ideologischen Schlachtwörtern, rhetorischen Kniffen und psychologisch wirksamer Manipulation. Wie steht es um den demokratischen Diskurs?
Solange ich blogge, habe ich versucht, eine Kommunikationsform herzustellen die das umgeht: vertrauenswürdige Information, quellfundiert, offen für Widerspruch. Recherche zu einem einzelnen Thema ist dabei sehr viel Arbeit – eigentlich keine Aufgabe für eine einzelne Person.
Hier deutet sich an was möglich wäre: kollaboratives, wissenschaftliches Bloggen. Mit korrekten Quellenangaben, exakter Zitierung – in der Erwartung anderer Bloggerinnen und Blogger, die sich für dasselbe Thema interessieren, es weiterdenken, eigene Beiträge dazu liefern.
In Online-Seminaren scheiterte das früher daran, dass mehr Material gesammelt als verarbeitet werden konnte. Universitäre Seminare lösten das durch Struktur – Assistenten, Prüfungen, klare Informationsrichtung. Beides greift nicht ganz.
Facebook-Gruppen als Seminarraum 2026? Die kurze Antwort: nein, nicht wirklich besser als vor 10 Jahren. Posts sind kürzer geworden, Zitieren findet kaum statt, Gruppen werden schwerer gefunden weil Facebook sie im Algorithmus versteckt zugunsten bezahlter Reichweite. Das Grundproblem – mehr gepostet als verarbeitet – ist eher schlimmer geworden. Universitäre Seminare haben sich zu Moodle/Canvas verlagert, nicht zu Facebook.
Ein dritter Weg?
Wissenschaftlich bloggen – mit Quellenangaben, mit Verlinkung, mit echtem Diskurs zwischen Blogs – könnte eine Form sein die weder die Oberflächlichkeit der Plattformen noch die Geschlossenheit des Universitätsbetriebs hat.
Ist das noch eine realistische Hoffnung? Oder braucht man dafür eine Reichweite, die kaum ein unabhängiger Blog erreicht?
Ich freue mich über Antworten – hier in den Kommentaren, oder als eigener Beitrag auf deinem Blog, verlinkt zurück hierher.
Fortführung: [Die gemeinsame Beschaffung politischer Information – alles formen](https://selbst-digital.de/die-qualifizierung-der-demokratischen-diskussion/)



Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!